Geschmack und Moral

The performance called

Unlängst haben wir an dieser Stelle über die umfassende Ästhetisierung der postindustriellen Gesellschaft gesprochen, meine Damen und Herren, und es gibt Stimmen, wie etwa den Soziologen Joachim Fischer, die die profunde Dominanz des Ästhetischen gar als neuen «Quellcode der Vergesellschaftung» sehen – anstelle bisheriger Leitideen (etwa der Wissens- und Risikogesellschaft oder der Ökonomisierung sämtlicher Lebensverhältnisse). Empfehlen sich Kunstsoziologie und Ästhetik damit also als neue Schlüsseldisziplinen der Gegenwartsanalyse, die an die Stelle anderer Disziplinen wie Wirtschaftssoziologie oder Moralphilosophie treten können? Und: Muss sich auch die Kunsttheorie neu orientieren?

Dies betrifft einerseits Geschmack als moralische Grösse. Denn Konsum ist in der Spätmoderne zwar ästhetisch ausgerichtet, aber moralisch aufgeladen. Geschmack wird dabei – besonders in der Mittelschicht – nicht zuletzt als ethisch-moralische Äusserung verstanden, seine Orientierungs- und Identifikationspunkte sind normativ besetzt, und im Zusammenhang mit der Ernährung (aber auch mit anderen Lebensbereichen) bedeutet das zum Beispiel die Deklaration einer «Philosophie», deren Grundzüge nicht selten darin bestehen, dass man vermeintlich proletarische Lebensmittel wie Milch oder Brot auf gar keinen Fall in seine Diät aufnehmen könne, etwa wegen des Brennwerts oder weil man sie nicht (mehr) vertrage. Nur Produkte bestimmter Marken und Ursprünge sind sanktioniert. Solche Distinktionsbemühungen und Formen der habituellen Differenzierung können allerdings – wie jeder Geltungskonsum – entgleisen: zum Beispiel in Form jener Essstörung namens Orthorexia nervosa, dem Zwang, nur noch (anscheinend) gesunde Nahrung zu sich zu nehmen. Daran sind schon Leute verhungert.

Andererseits ist die Leitkultur des Ästhetischen deswegen interessant, weil gerade die mutmassliche Heimatsphäre und Domäne des Ästhetischen, nämlich die Kunst, früher neben der Religion eine der dezidiert konsumfreien Zonen darstellte. Das ist natürlich heute nicht mehr der Fall, der Kunstmarkt ist der hysterischste, blasenhafteste von allen, und ironischerweise mokieren sich ausgerechnet seine Hauptproduzenten gerne über die widerstandslose spätmoderne Produktion und Konsumption von Kunst, mit einer Pseudokreativszene williger «Prosumer» und einer gefühlten Überschwemmung durch «Art Pollution» (so Marina Abramovic). Fest steht: Viele, vielleicht die meisten Hervorbringungen des Kunstmarkts muten heutzutage nicht weniger geistlos an als regressivste Formen der populärkulturellen Ästhetik, wie zum Beispiel Heidi Klums Modelsuchsendung.

In der metaphysischen Obdachlosigkeit einer total entzauberten Spätmoderne muss das Subjekt den Sinnraum selbst füllen; wenn es das Jenseits nicht mehr gibt, werden diesseitige Ding- und Warenwelten, wird die Transzendenz des Immanenten im Konsum noch wichtiger. Wie also liesse sich die umgreifende Ästhetisierung der Gesellschaft (mit Symptomen ästhetischen Überkonsums und der Infantilisierung in Kunst und Alltag) soziologisch neu fassen?

Wenn Sie mich fragen, reduziert sich auch diese neue Dynamik schnell auf eine alte Frage: Ist das Ästhetische ein Mittel und Ausdruck der Erfahrung des Lebendigen selbst, das im Wechselspiel zwischen Krise, Entwicklung und schöpferischer Lösung entsteht, wie es John Dewey formulierte? Haben wir es also mit dem zu tun, was Schiller den universellen «Schönheitstrieb» nannte, eine ewige, vitale, schöpferische Kraft des Ausdrucks und der sinnlichen Wahrnehmung, deren Antriebsüberschuss seine Form immer wieder neu finden muss – vom eher defensiven Primärtrieb der «Unlustvermeidung» (Freud) bis zur «Schönheit der Welt» als Sinn des Lebens (Hannah Arendt)?

Oder ist die spätmoderne Ästhetik, wie bei Heidi Klum und anderen Rummelplatzfiguren, eher ein Verwertungsdogma, der Motor einer Verführungsindustrie, die Dingwelten erschafft, deren Objekte aufgrund einer symbolischen, quasireligiösen Aufladung bedeutend für die gesellschaftliche Inklusion und für Prozesse der sozialen Identitätsbildung geworden sind? Und auf welche Seite gehört Marina Abramovic? Denken Sie mal drüber nach. Ich gehe jetzt einkaufen.

Bild: Marina Abramovic: «The Artist Is an Explorer», Fondation Beyeler, 2014. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)