Lasst Teenager ins Puff gehen

Une prostituee attend des clients qui passent en voiture sur un trottoir du centre ville dans la nuit du jeudi 7 au vendredi 8 juillet 2014 a Lausanne. La scene de la prostitution est visible sur la rue de Geneve, et l'avenue de Sevelin dans le quartier de Sebeillon a Lausanne. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Seit einer Woche beschäftigt uns das Thema: Nicht nur ältere Männer bezahlen für Sex, nein, auch Teenager gehen ins Puff! Und zwar nicht wenige, wie die Westschweizer Zeitung «Le Matin Dimanche» berichtete. Prostituierte erzählten der Zeitung, besonders an Wochenenden hätten sie viele Kunden, die noch keine zwanzig seien. Danach wurde das Thema von den einschlägigen Medien nach allen Regeln der Kunst durchdekliniert.

Man liess die Prostituierten selber zu Wort kommen, die davon berichteten, dass die Teenager-Freier, oh Wunder, nicht etwa für Kuschelsex ins Bordell pilgerten, sondern Sex wie die Grossen verlangten. Experten benannten Ursachen und Gefahren der Entwicklung. Man ortete erzieherische Mängel hinter dem Trend, das seien doch Jungs, deren Eltern sich zu wenig um sie gekümmert hätten. Man erwähnte den Druck der Kollegen und den Leistungsdruck einer übersexualisierten Gesellschaft. Eine Expertin argwöhnte sogar, wenn junge Männer bereits so früh Erfahrungen mit bezahltem Sex machten, könnten sie später straffällig werden und in die Beschaffungskriminalität abrutschen, weil sie nur noch Sex im Puff wollten. Der «Blick» fragte dann junge Frauen, was sie zum Trend zu sagen hätten. Es ist ebenfalls nicht sehr überraschend, dass die jungen Frauen dafür nicht besonders viel Verständnis aufbringen. Das seien wohl Verlierer, hiess es, die ihnen leid tun.

Nach einer Woche reagierten schliesslich Politiker. Vorgestern zeigte sich EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller gegenüber der «Schweiz am Sonntag» «schockiert», dass dies legal möglich sei. Sie sieht darin ein ernstes gesellschaftliches Problem, auch weil den jungen Männern so ein «unrealistisches Bild der Sexualität» vermittelt würde.

Ich habe dazu ein paar Fragen: Ist der Gang ins Bordell wirklich eine so ernsthafte Gefahr für unsere Jugend? Ist nicht auch denkbar, dass es jungen Männern mehr hilft als schadet? Ist wirklich jeder ein Verlierer, der ins Puff geht – oder gibt es vielleicht legitime Gründe? Und überhaupt: Was ist eigentlich ein realistisches Bild der Sexualität, und wer definiert es? Entspricht das, was Frauen für eine «realistische Sexualität» halten, auch der männlichen Vorstellung? Und wie verändert sich diese Vorstellung über die Jahre?

Man kann Prostitution prinzipiell verwerflich finden – aber muss man die Neugier von Teenagern auf die Erfahrung gleich mit erzieherischen Mängeln erklären? Muss man davon ausgehen, dass eine solche Erfahrung den Charakter irreparabel schädigt? Und muss man die Sache deswegen gleich verbieten? Bevor Politiker beginnen, eine «realistische Sexualität» von jungen Männern und Frauen einzufordern, würde man besser mal frei von moralischem Dünkel darüber diskutieren, was damit gemeint ist und welche Normen von wem zu welchem Zweck eingefordert werden. Dann hätte diese Debatte wenigstens einen Sinn gehabt.

Bild oben: Strassenstrich in Lausanne. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)