Gibt es noch Ritterlichkeit im Strassenverkehr?

Daniel Nash

Wussten Sie, meine Damen und Herren, dass Flugzeugkabinen kontinuierlich gekühlt werden müssen, selbst wenn auf über 10’000 Meter Flughöhe draussen um die minus 60 Grad Celsius herrschen? Die Kühlung ist erforderlich wegen der Abwärme der Passagiere und der intensiven Sonneneinstrahlung. Die Passagiere geben übrigens nicht nur Wärme ab, sondern auch Feuchtigkeit, was wiederum zur Folge hat, dass in jenen Teilen der Kabine, wo sich tendenziell weniger Menschen aufhalten, namentlich in der First Class, die Luft am trockensten ist, weshalb beispielsweise die deutsche Fluggesellschaft Lufthansa in der ersten Klasse ihres A380 eine künstliche Luftbefeuchtung eingeführt hat. 

Wussten Sie ausserdem, dass der A380 die Antriebskraft von 3500 (in Worten: dreitausendfünfhundert) Autos hat? Und, da wir von Autos sprechen: Gibt es eigentlich eine Etikette für den Strassenverkehr? Also Benimmregeln für den motorisierten Individualverkehr? Denn a priori hat ja der Strassenverkehr im Prinzip die Eigenart, dass seine Regeln und Gesetze strafbewehrt von der Strassenverkehrsordnung festgelegt werden, die sich beispielsweise ausführlich mit der Frage befasst, wer wann wem den Vortritt zu lassen hat (stellen Sie sich vor, das Gleiche gelte für Anstandsregeln, dann müsste etwa der Herr jedes Mal eine Strafe zahlen, wenn er erst nach der Dame das Restaurant beträte).

Doch selbstverständlich existiert daneben – und neben den Verpflichtungen zu Hilfeleistung und Rettung – eine Art Kodex der Ritterlichkeit, der übrigens spezifisch auch mit dem Verhältnis der Geschlechter zu tun hat, denn dieser Normenkatalog rührt aus den Anfangszeiten des Automobils her, als nur Männer fuhren. Noch immer gilt: manierliche männliche Kraftfahrer öffnen die Wagentüre für die Dame, bevor sie ums Auto laufen, um selbst einzusteigen. Dies ist in praxi allerdings nur noch sehr selten zu beobachten, vielleicht auch, weil nicht wenige Damen dies als Ausdruck eines Küss-die-Hand-Sexismus empfinden und sich ihre Tür lieber selbst aufmachen.

Des Weiteren gilt: Wenn Sie als Mann von Welt Ihr Date nach Hause bringen und nicht auf eine Tasse Kaffee hineingebeten werden, verabschieden Sie sich per Wangenkuss im Auto, steigen anschliessend aus, öffnen der Dame die Wagentüre, begleiten sie zur Schwelle ihres Zuhauses, wünschen gute Nacht und warten mit der Weiterfahrt, bis sie die Haustür aufgesperrt hat. Wenn hingegen zwei Paare (hier verstanden als zwei Männer und zwei Frauen) in einem Auto zusammen reisen, sollten die Geschlechter (und die Pärchen) gleich verteilt sein, d. h. auf keinen Fall sollte man die Damen hinten sitzen lassen. Wohlerzogene junge Damen hingegen halten beim Aussteigen aus Automobilen, insbesondere aus Sportwagen, die Knie zusammen. Ich hoffe, das hast du inzwischen gelernt, Britney! Und ältere Damen steigen überhaupt nicht mehr aus Sportwagen. 

Natürlich gibt es auch geschlechtsübergreifende Regeln, allen voran die, dass es sich für Beifahrer nicht gehört, ständig am Fahrstil der Person am Steuer herumzumäkeln. Und beispielsweise zu behaupten, Letztere führe wie eine blinde Nonne mit Gehirnerschütterung. Oder ein blinder Musiklehrer. Noch viel weniger gehört es sich für den Beifahrer, egal ob männlich oder weiblich, die Schuhe auszuziehen und die Füsse gegen das Armaturenbrett zu pressen, auch wenn Sally Field das in «Smokey and the Bandit» gemacht hat – aber das waren erstens die Siebzigerjahre und zweitens: Haben Sie jemals wieder was von Sally Field gehört? Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit «Brothers & Sisters»!

Seis drum. All diese zeitlosen Handreichungen zum manierlichen Autofahren scheinen einem anderen Phänomen der zivilisierten Welt offenbar wenig anzuhaben: der gelegentlichen Metamorphose von auch hochkultivierten Menschen in Strolche und Furien, sobald sie ins Auto steigen. Was in der Geschichte des Automobils schon manchen Kulturpessimisten veranlasst hat zu behaupten, man erkenne die wahren Manieren eines Menschen, wenn er (oder sie) hinterm Steuer sitze.

Der Gentleman und die ältere Dame, die aus dem Sportwagen steigt: Bono und Oprah in Chicago. Foto: Daniel Nash, Flickr.com