Was macht ein gutes Buch aus?

Former state governor of California, Arnold Schwarzenegger displays his book

Darf man das, meine Damen und Herren? «Darf man das?» ist eine Frage, die wir leider wieder viel zu oft hören. Wir leben in Zeiten, die weniger liberal sind als beispielsweise die goldenen Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Auch mit Blick auf Literatur ist die Darf-man-das-Frage im deutschsprachigen Feuilleton bezeichnenderweise wieder öfter zu hören, auch auf der Frankfurter Buchmesse nächste Woche werden wir sie wieder vernehmen, zum Beispiel in der Behandlung des Romans «Interessengebiet», dem jüngsten Meisterwerk von Martin Amis. Es ist dies ein bewegendes, ergreifendes, manchmal unerträgliches Buch. Ein Buch, das ich nur in kleinen Dosen lesen konnte, weil das Unbehagen bisweilen so intensiv wird. Ein gnadenloses und fesselndes und verstörendes Buch. «Darf man das?» ist keine zulässige Frage für Literatur, wenn Sie mich fragen. Die zulässige – und wichtige und leider viel zu selten gestellte – Frage lautet: Taugt das was?

Golo Mann stellte 1972 aus Anlass von Heinrich Heines 175. Geburtstag fest: «Die sind der Wahrheit näher, die heiter mit ihr umgehen, weil sie von ihrer Unerschöpflichkeit wissen. Die trösten uns am verlässlichsten, die ihren tiefen Ernst hinter Scherzen verbergen; die den Zweifeln und Leiden ihrer Seele Rhythmen, Farbe, schönen Klang verleihen.» Was hier beschrieben (geradezu besungen) wird, ist eine Haltung der Distanz, der inneren Reserve: Ironie, jener souveräne Unernst, der Abstand zur Welt und ihren Erscheinungen, inklusive der eigenen. Ironie ist mit jeder literarischen Gattung verträglich, in der Tat ist ihr auch immer etwas Tragisches eingeschrieben, eine gewisse Melancholie, ein in diesem Sinne gar konservatives Element, was Golos Vater Thomas Mann (natürlich) erkannte, als der die (ihrerseits ironischen) Worte schrieb: «Ironie ist niemals fortschrittlich.» Womit er meinte: Sie schreitet nicht voran, ohne sich umzudrehen, sie ist leiser, bedächtiger, sie versucht, im Unernst das Gute zu bewahren, und weiss doch, dass dem Fortschritt, wie ambivalent er auch sei, die Zukunft gehört.

Doch wird Ironie im deutschsprachigen Feuilleton mit Humor in Verbindung gebracht, und gilt also als kunstfern und generell verdächtig. Humor wird im deutschsprachigen Raum vor allem materiell, also inhaltlich verstanden, er gilt als Beruf, als ein Fach; nicht als Haltung, nicht als Form des Auftritts und Ausdrucks, wie in der angelsächsischen Sphäre. Dort nämlich bedeutet Humor vor allem Distanz, also Gelassenheit in allen Sparten. Humor in dieser letzteren Form ist eine Eigenschaft, die Persönlichkeiten ausmacht; Humor als Haltung lebt von der Differenz, er setzt Provokation und Unterschiede voraus.

Humor als Haltung – das war auch die Ironie Thomas Manns, wie man aktuell wieder sehr treffend nachlesen kann im Buch von Manfred Flügge «Das Jahrhundert der Manns», wo viel die Rede ist von Ironie und Schicksal, Kunst und Leben – und der Unterscheidung zwischen stilistischer und epischer Ironie. Letztere bezeichnet den Abstand, die innere Reserve, als Schreibens- und Lebenshaltung, ganz im Sinn des Thomas-Mann-Verdikts: «Nur wo das Ich eine Aufgabe ist, hat es einen Sinn, zu schreiben.» Damit aber will ich nicht schliessen, sondern mit einem anderen Zitat, einem angelsächsischen Denker, Oscar Wilde: «There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all.»

Bild oben: Taugt das was? Arnold Schwarzenegger an der Frankfurter Buchmesse 2012. Foto: Keystone