Ist Armut eine Schande?

Alibaba Group Executive Chairman Jack Ma points to a reporter after a speech on “Transforming Dreams into Successful Business” to inspire young people to develop their creativity and entrepreneurship by using modern technology in Hong Kong Monday, Feb. 2, 2015. E-commerce giant Alibaba pledged last Friday to do more to fight online sales of counterfeit goods, quickly settling a public dispute with a Chinese regulator after the value of its U.S.-traded shares plunged. (AP Photo/Kin Cheung)

Am Anfang darf man arm sein als Geschäftsmann, meine Damen und Herren. Das gehört sogar, regelmässig und immer noch, zum Mythos. Vielleicht auch noch am Ende. Wenn man Unsummen an sich zog, ein Wohltäter wurde und alles verschenkte wie Andrew Carnegie. Von dem das berühmte Zitat stammt: «Es ist keine Schande, reich zu werden. Aber schändlich, reich zu sterben.» Auch so zwischendurch ist Armut für den Unternehmer okay. Sofern man wagemutig wieder von vorn anfängt. Wie Branson und Trump. Ansonsten jedoch gilt ein Geschäftsmann ohne Geld als gescheitert. Die Argumentation geht ungefähr wie folgt: Der Markt belohnt, sofern man ihn lässt, den Unternehmergeist. Ein Geschäftsmann sollte Unternehmergeist haben. Ergo darf ein Geschäftsmann nicht arm sein.

Andererseits ist der schwerreiche Geschäftsmann – dick und gierig und mit Trophäenehefrau und kaum fähig, aus seinem Lamborghini auszusteigen, während er die Last der Volksnöte gleichmütig hinnimmt – ein seit jeher mit Argwohn und gar Abscheu betrachtetes Rollenmodell. Hier scheint das Diktum von Aristoteles Onassis anwendbar: «Ein reicher Mann ist oft nur ein armer Mann mit sehr viel Geld.» (Ironischerweise traf dies nicht zuletzt auf ihn selbst zu.) «Armut ist keine Schande», sagt hingegen der Volksmund, bekanntlich, und wie so oft liegt der Volksmund leider daneben. Denn so weit sind wir in der Geschäftswelt noch lange nicht, im Gegenteil: «Wenn du mit 35 noch arm bist, hast du es verdient!», liess sich unlängst Jack Ma vernehmen, milliardenschwerer Gründer und Executive Chairman des Alibaba-Online-Imperiums. Ma ist eine der lautesten Stimmen des bisweilen ruchlosen chinesischen Unternehmergeistes (wieder eine dieser ironischen Konstellationen). Und seine Argumentation geht wie folgt: Wer arm ist, hat verloren. Menschen verlieren aus vier Gründen: 1. Sie sehen Gelegenheiten nicht. 2. Sie unterschätzen ihre Chancen. 3. Sie verstehen die Situation nicht. 4. Sie agieren zu langsam. Daraus folgt nach Ma: Man ist arm, wenn es einem an Ambition fehlt.

Für Jack Ma bedeutet Ambition: «ein von grossen Idealen getragenes Leben zu leben». Natürlich ist Mas Argumentationskette, die sämtliche Prädispositionen und Chancenungleichheiten höchstens als überwindbare Widerstände würdigt, in ihrer Ayn-Rand-artigen Radikalität selbst für einen überzeugten Anhänger des freien Marktes (wie den Autor dieser Kolumne) ungeniessbar. Was nichts daran ändert, dass Ma einen richtigen und beinahe hehren Gedanken formuliert: Der Geschäftsmann braucht ein leitendes Ideal. Darinnen liegt sein Reichtum. Denn dies – und damit komme ich zum Kernstück der heutigen Predigt – macht den Geschäftsmann aus, egal ob Nanosensoren, Fernsehproduktionen oder Klorollenhalter sein Metier sind: die Bereitschaft zum Risiko, und das heisst, die Bereitschaft, sich für eine Idee zu ruinieren.

Eine Wirtschaftsordnung, die diese Bereitschaft honoriert, kann nicht grundverkehrt sein; und deshalb sollte der Geschäftsmann in der Tat nicht arm bleiben. Determination und Courage als Unternehmertugenden sind durchaus kein ideelles Versatzstück des letzten Jahrhunderts; der unternehmerische Typ, Inkarnation der Vita activa, der Mensch, der ein tätiges, teilnehmendes und auf seine Umwelt einwirkendes Leben führt, leidenschaftlich und zukunftsgerichtet, bleibt ein zeitloses Ideal der Selbstvervollkommnung. Lassen Sie mich das mal in der Sprache eines Motivationstrainers ausdrücken: Der Durchschnitt glaubt, dass man etwas tun müsse, um reich zu werden. Der Erfolgreiche weiss, dass man etwas sein muss, um reich zu werden: ein Mensch mit Vision. Jemand, der Unsicherheit aushält und nicht nur an morgen, sondern auch an übermorgen denkt. Jemand, der aus jeder Erfahrung profitiert, und sei es eine Niederlage. Jetzt höre ich mich schon selbst an wie Ayn Rand; doch auch wenn diese Weisheiten nach dem letzten Jahrhundert klingen, sind sie immer noch wahr; gerade in der quantifizierten Welt der Spätmoderne, die, ein wenig arm im Geiste, glaubt, alles mit einem Preis versehen zu können. Risikoliebe allerdings kann alles kosten – und nichts. Nicht jeder kann sich das leisten. Aber wer es kann, der ist reich.

Bild oben: «Du bist 35 und noch arm? Dann hast du es verdient!»: Jack Ma, chinesischer Selfmade-Milliardär. Foto: Kin Cheung (AP/Keystone)