Kaufen und frei sein

Employees handle bags filled with purchases behind a register at the Macy's Herald Square flagship store, Thursday, Nov. 28, 2013, in New York. Instead of waiting for Black Friday, which is typically the year's biggest shopping day, more than a dozen major retailers are opening on Thanksgiving this year. (AP Photo/John Minchillo)

In den Sommerwochen, meine Damen und Herren, wiederholt das Schweizer Fernsehen einige Gespräche der Reihe «Sternstunde Philosophie». Zum Beispiel letzten Sonntag das mit Harald Welzer. Harald Welzer ist ein Soziologieprofessor aus Hannover, der gerne in nahezu klischeehafter Borniertheit den «idiotischen Lebensstil» der westlichen Welt beklagt, den er direkt mit ihrem vermeintlichen Dogma der «Wachstumswirtschaft» verbunden sieht, die seines Erachtens zu einer sinnentleerten Anhäufung von Gütern führe, zu einem Materialismus, gegen den «eine ganz neue Intoleranz» vonnöten sei. Die «Politik» müsse dem «Kapital» Grenzen setzen. Und so weiter.

Ich kann solch provinzielle Trübsal nicht mehr hören. So billiges Gequassel gegen die vermeintlichen Übel der Konsumgesellschaft, meine ich. Dagegen ist eine ganz neue Intoleranz vonnöten. Wir leben in Zeiten der gefühlten Krisenhaftigkeit, und so wenig diese Dauerkrise den Einzelnen auch konkret betreffen mag, so sehr prägt sie doch die Stimmung, und zwar leider vor allem in jenem trivialen Sinne, dass Verzicht und Entsagung jetzt irgendwie chic zu werden scheinen. Was der berühmte amerikanische Sozialwissenschaftler Thorstein Veblen vor rund hundert Jahren im Rahmen seiner «Theorie der feinen Leute» den «Geltungskonsum» nannte, also ostentativer, auf Aufmerksamkeit zielender Güterverbrauch, ist heute zur «Geltungskonsum-Aversion» geworden; an die Stelle des demonstrativen Konsums, der den anderen zeigen soll, was man sich alles leisten kann, ist der plakative Verzicht getreten, die proklamierte Enthaltsamkeit, die edle Stärke der Entsagung, die den anderen signalisieren soll, was man sich alles verkneift. Ausgenommen Sachen, die irgendwie «korrekt» sind, natürlich.

Das ist prüde und langweilig. Stattdessen sollte mal wieder etwas Geist aufleuchten, wenn wir den Blick auf die Zukunft richten und sehen wollen, wie sich die Konsumkultur entwickeln kann: Der britische Soziologe Colin Campbell zum Beispiel hat darauf hingewiesen, dass die heutige Konsumgesellschaft gerade nicht materialistisch sei, weil sie vor allem Produkte hervorbringe, die wegen ihrer immateriellen Konnotationen begehrt werden, also wegen ihrer Imagebotschaften und Identitätsstiftungen. Dabei kaufen wir nicht einfach irgendeine Schablonenidentität über Produkte, sondern wir entdecken quasi unser Ich durch die spezifische Auswahl und Zusammenstellung an Waren, mit denen wir uns umgeben. Dieses Konzept der Selbsterschaffung durch Konsum ist eine emanzipatorische Errungenschaft des postmodernen Subjekts, dessen Vorfahren generationenlang darauf gedrillt waren, sich über kollektive Kategorien und Narrative wie «Religion», «Nationalität» oder «Ethnizität» zu definieren – nicht über individuelle Geschmacksentscheidungen. Was aber ist Geschmack? Die Fähigkeit zur Auswahl. Ein Gespür für das Passende, Angemessene. Und das ist eine sehr friedliche Art der Selbstfindung; sie ist nicht aggressiv und nicht dogmatisch, und sie steht prinzipiell allen offen. Gerade deshalb sehen Gesellschaftswissenschaftler wie der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz im globalisierten Konsumismus ein wichtiges Gegengewicht etwa zum religiösen Fundamentalismus.

Die aufgeklärten Konsumenten von heute sind nicht geistlos. Sie sind nicht indifferent gegenüber Qualität und Lebenszyklen von Produkten, und schon gar nicht sind sie grenzenlos gierig, weil irgendein grausamer Wirtschaftsapparat ihnen pausenlos neue Bedürfnisse oktroyierte. Postmodernes Konsumieren ist keine frivole Ressourcenvergeudung, sondern ein schöpferischer Akt der Selbstfindung, wo jeder friedlich und authentisch nach seinen Präferenzen selig werden kann. Natürlich gibt es immer noch genug Plunder. Das gehört zur Angebotsvielfalt. Dagegen hilft aber keine doktrinäre Belehrung, sondern nur Geschmacksbildung. Und nun entschuldigen Sie mich. Ich muss den rasenden Aufruhr in meinem Inneren mit einer ausgedehnten Einkaufstour befrieden.

Bild oben: Auch wenn es hier so aussieht, ist postmodernes Konsumieren keine frivole Ressourcenvergeudung. (John Minchillo/Keystone)