Haben Smartphones eine Seele?

The Twitter entry portal displayed on an iphone, pictured on July 5, 2012, in Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Die Einstiegsseite von Twitter, angezeigt auf einem iphone. Aufgenommen am 5. Juli 2012 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ich habe neulich im Berliner «Tagesspiegel» was Interessantes gelesen, meine Damen und Herren, nämlich über die Seele der Dinge im digitalen Zeitalter. «Telefon und Smartphone», las ich, «Schreibmaschine und Computer: Funktion und Form unserer Kommunikationsgeräte haben sich gewandelt. Auch der Umgang mit den Dingen. Aber wieso behandeln wir Geräte wie das Smartphone, als hätten sie eine Seele? […] Die Dinge, die uns umgeben, prägen auch unser Verständnis der Welt, unsere Wahrnehmung. Doch unser Verhältnis zu ihnen ändert sich grundlegend. […] Im industriellen Zeitalter war die Mechanik der Dinge für die meisten verständlich, ob bei primitiven Werkzeugen oder feinsten Apparaturen. Im Zweifel konnte man ihr Verständnis erlernen. […] Der Sinn der meisten Dinge besteht in ihrer Funktion, die man gewöhnlich an ihrer Form ablesen kann. Bei den ‹neuen› Dingen – Smartphones oder Computern – ist das nicht mehr der Fall; die Form hat sich vom Inhalt entfernt. Wenn jetzt beim Auto die Elektronik verrücktspielt – keine Chance.»

Dann wird – natürlich – der Philosoph Byung-Chul Han zitiert, der Parallelen zieht zwischen der glatten Smartphone-Oberfläche und der menschlichen Haut. In beiden Fällen verhindere die Undurchsichtigkeit der Oberfläche den Blick ins Innere. Eine Folge dieser Undurchsichtigkeit sei, so fährt der Artikel fort, eine Rückkehr des archaischen Denkens, des Animismus. Also des Glaubens daran, dass die Dinge beseelt sind, einen Geist haben. Denn: «Wenn der Akku leer ist, sagen wir: Mein Smartphone gibt den Geist auf.»

Schlussfolgerung: Mit der Digitalisierung habe sich ein neuer Spiritismus entwickelt. Die magischen Gegenstände von heute seien vor allem die Kommunikationsmittel: «Sie sind substanziell für unsere Identität, unser Selbstbild, unser Fremdbild.» Mitunter führe dieser Zauberglaube in die Dinge dazu, dass wir sie als Fetische betrachteten, sie seien nach dem Philosophen Bernhard Waldenfels mehr als die Träger ihrer Eigenschaften. Und gemäss dem Frankfurter Ethnologieprofessor Karl-Heinz Kohl entwickle gar der «Geist» des Smartphones ein Eigenleben gegenüber seiner Verkörperung: «Wir projizieren unseren eigenen Geist in das Gerät, die Distanz zwischen Objekt und Subjekt verschwimmt.»

Na ja. Dazu kann ich nur sagen: Das war doch wohl schon immer so. Auch zu Zeiten der Mechanik. Und wahrscheinlich seit der Cro-Magnon-Zeit. Ich für meinen Fall kann mich noch an die Ära vor Smartphones erinnern, und auch da bereits glaubte ich an die Tücke (und auch die Güte) des Objekts. Die Redewendung von der Tücke des Objekts selbst ist schliesslich über 100 Jahre alt. Schon damals (und früher) haben die Leute gelegentlich Sachen angeschrien, die nicht funktionieren. Oder mit einem Ast geschlagen. So wie Basil Fawlty. Ein Idol von mir. Bietet wesentlich mehr Identifikationspotenzial als Byung-Chul Han, wenn Sie mich fragen. Bis übermorn.

Bild oben: Magische Kommunikationsmittel: Hallo Smartphone. Foto: Gaetan Bally (Keystone)