Wo halten für Nonstop?

A McDonald's restaurant's drive-thru sign is pictured in Los Angeles

Unverbesserliche Kulturpessimisten beklagen ja ständig die sogenannte Amerikanisierung des alten Europa mit ihren Begleiterscheinungen der globalisierten Kettengeschäfte und 24-Stunden-Nonstop-Mentalität. Ich aber möchte die Frage aufwerfen: Wo bitte finden wir denn wirklich die Rund-um-die-Uhr-Kultur in Mitteleuropa? Denn nicht überall, wo «24 Stunden» draufsteht, sind auch 24 Stunden drin. Nehmen wir das wichtigste Beispiel für die vermeintlich dauermobile moderne Gesellschaft: das Autofahren. Amerika ist ein grosses Land und braucht grosse Autos und eine aufs Auto ausgerichtete Infrastruktur: Wenn man den Freeway oder Highway hinunterbraust, ob in Texas, Tennessee oder Kalifornien, findet man allenthalben und rund um die Uhr am Wegesrand Zerstreuungsangebote: Parks mit 24-Stunden-Drugstores wie Walgreens oder Rite Aid, Rund-um-die-Uhr-Einkaufshallen wie Ralphs oder Kmart und stets geöffnete Niederlassungen so fabelhafter Verpflegungsketten wie Waffle House, In-N-Out oder IHOP (= International House of Pancakes), damit das freiheitsliebende Individuum auch um drei Uhr nachts noch seinen Energiebedarf decken kann, bevor es sich gut gezuckert und mit frischer Kraft wieder in den Pickup Truck schwingt (sofern man nicht auf Drive-through-Art gegessen, also den Platz hinter dem Steuer gar nicht verlassen hat).

Und wie nun sieht das im vermeintlich total amerikanisierten Mitteleuropa aus? Nun, ich konnte die Probe aufs Exempel machen, als ich neulich an der Seite von Richie, dem besten Ehemann von allen, mitten in der Nacht mitten durch Europa fuhr, nämlich von Berlin in unsere Heimatstadt Zürich, und zwar mit dem Auto. Ungefähr auf der Mitte des Weges liegt die Raststätte Frankenwald, ein Brückenrestaurant direkt über der Autobahn, das für sich reklamiert, 24 Stunden lang geöffnet zu haben. Allerdings stimmt dies buchstäblich nur teilweise. Denn so gegen drei Uhr nachts war nur noch ein winziger Teil des Restaurants offen, dessen Angebot neben einer Art Gulaschkanone ein paar verschrumpelte Jurassic-Park-Schnitzel umfasste. Wir entschieden uns für die Suppe (die übrigens OK war) und assen, mit Blick auf die nächtliche Autobahn, zwischen ein paar osteuropäischen Wanderarbeitern und einer Gruppe übermüdeter Teenager, die kurz zuvor aus einem versprengten Reisebus (mit den heute allenthalben üblichen Euphemismen als «VIP Coach» beschriftet) gekrabbelt waren und sich nun durch Square Dance wach zu halten suchten. Ah, die Raststätten-Romantik!

Nach ungefähr zwei weiteren Stunden Fahrt, die wir uns damit vertrieben, das Gewicht und Reiseziel der Insassen der anderen Autos zu raten und diskursiv der Frage nachzugehen, wieso eigentlich heutzutage niemand mehr trampt, kurz hinter Nürnberg also, befiel uns wieder so ein leichtes Verlangen nach Rast und Nahrung. Es war inzwischen kurz vor fünf Uhr morgens, und die sicherste Station zur Befriedigung ebengenannter Bedürfnisse schien uns die mit einem Autohof verbundene 24-Stunden-Filiale einer amerikanischen Restaurantkette zu sein, leider keine der oben genannten, sondern die langweiligere mit den Goldenen Bögen. Wir befanden uns in Kammerstein. Das ist zwischen Poppenreuth und Neppersreuth, falls Ihnen das hilft. Wir benutzten die Drive-Through-Kasse, die in Kontinentaleuropa Drive-In-Kasse genannt wird, und das dort wirkende übergewichtige Wesen mit Headset gab uns zehn Euro zuwenig raus. Als wir dies feststellten, musste das Wesen eine Vorgesetzte holen, die ihrerseits die Kasse abrechnen musste und uns schliesslich nach ungefähr 15 Minuten stumm eine Zehn-Euro-Note aushändigte. Sie sehen: Die 24-Stunden-Kultur hat sich in Mitteleuropa irgendwie noch nicht richtig durchgesetzt. Das nächste Mal nehmen wir uns ne Stulle mit. Oder ein Faustbrot, wie man in Zürich sagt.

Bild oben: Schön wärs: Ein wirklicher 24-Stunden-MacDonalds in Los Angeles. Foto: Reuters.