Eigentlich ist Peter Hiltebrand seit gut zwei Jahren pensioniert, doch den Ruhestand kennt der 67-Jährige nur vom Hörensagen. Seit er mit seiner Tochter und deren Partner die Plattform «Rent a Rentner» lanciert hat, ist Hiltebrand ein gefragter Mann. Über 800 arbeitswillige Senioren haben sich dem Netzwerk angeschlossen, wo sie als «alte Säcke und alte Schachteln» angepriesen werden.

Herr Hiltebrand, warum haben Sie vor gut zwei Jahren die Plattform Rent a Rentner gegründet?
PETER HILTEBRAND: Vor vier Jahren habe ich meine Anteile an einem Elektroinstallationsgeschäft verkauft. Dann rückte mein 65. Geburtstag und damit die Pensionierung näher. Mir war immer klar, dass ich nicht einfach mit Arbeiten aufhören wollte – warum auch, wenn man noch fit ist? Zuerst wollte ich in die Entwicklungshilfe, aber da hätte ich meine Musikproben verpasst. Am Familientisch kamen wir auf die Idee, dass ich vermutlich nicht der einzige alte Sack bin, der noch ab und zu einen guten Job machen möchte. So gingen wir mit einer Arbeitsvermittlungsplattform für Mietrentner online – einen Tag nach meinem letzten Arbeitstag.
«Alte Säcke und alte Schachteln zu vermieten», heisst es dort. Das ist keine sehr schmeichelhafte Bezeichnung für rüstige Rentnerinnen und Rentner.
PETER HILTEBRAND: Es ist ja kein Projekt von jungen Betriebswirtschaftern, sondern ich bin selber ein alter Sack und melde mich am Telefon so. Kürzlich wurde ich sogar in Singapur auf offener Strasse angesprochen, ich sei doch der alte Sack. Ältere Leute haben ziemlich viel Humor, es muss nicht alles politisch korrekt und tierisch ernst sein.
Frau Hiltebrand, Sie führen gemeinsam mit Ihrem Partner Reto Dürrenberger die Werbeanstalt Schweiz AG. Haben Sie das Konzept zu Rent a Rentner entwickelt?
SARAH HILTEBRAND: Ja, wir haben meinem Vater früh klar gemacht, dass er bei der Verpackung und Bewerbung der ganzen Sache nicht mitreden soll – er weiss ja nicht einmal, was Google ist. Ich habe schon als Kunstschülerin ab und zu Jobs für meinen Vater gemacht, Schraubenkataloge und so. Ich war von Anfang an überzeugt, dass diese Rentnergeschichte Potenzial hat. Zuerst wollten wir sie Gruftivermietung nennen, aber Rent a Rentner war viel besser.
Wie gelang es Ihnen, erste Rentnerinnen und Rentner zu überzeugen, ihre Arbeitsangebote auf der Homepage zu erfassen?
PETER HILTEBRAND: Der Anfang war nicht so einfach, da habe ich in meinem Umfeld Leute zum Mitmachen überredet. Und dann haben wir ein einziges Inserat aufgegeben für 375 Franken im Zürcher Unterländer, dazu gab es noch einen freundlichen Artikel geschenkt. Von Anfang an steckte ich jeden neu registrierten Rentner mit einer Stecknadel auf einer Schweizer Karte ab. Bis etwa zum 150. ging es relativ langsam, dann gab es eine unglaubliche Beschleunigung.
SARAH HILTEBRAND: Im letzten Jahr hat sich die Zahl der registrierten Anbieter von 350 auf aktuell 840 erhöht, was uns aus technischer Sicht ziemlich nah ans Limit gebracht hat. Wir erhielten einen bedeutenden Marketingpreis und viel Aufmerksamkeit in nationalen und internationalen Medien. Es gab für uns alle mehr zu tun. Ich erhalte in meiner Werbeagentur immer wieder Anrufe von ungeduldigen Rentnern, die wissen wollen, warum es mit der Registrierung noch nicht geklappt hat.
Sind Sie reich geworden mit Ihrer Idee?
SH: (Lacht) Reich? Wie denn? Es gab und gibt keinen Businessplan, wir verlangen ja kein Geld, weder für die Registrierung noch für die vermittelten Jobs. Es war eine Bieridee, die seltsamerweise funktioniert hat und nun immer grössere Ausmasse annimmt. Inzwischen haben drei Nachahmer versucht, unsere Idee zu kopieren, es gibt Anfragen von grossen Schweizer Firmen, die mit uns kooperieren wollen, dazu Kaufangebote und Franchiseanfragen aus dem Ausland. Bis jetzt hatten wir schlicht nicht die Zeit, das weiterzuentwickeln, wir haben ja alle drei noch einen Job. Sogar die Werbeanfragen konnten wir noch nicht beantworten, weil wir uns noch nicht schlüssig sind, ob wir das wollen.
Wie viel arbeiten Sie noch, Herr Hiltebrand?
PH: Ich mache nur noch Sachen, die mir Freude bereiten. Letztes Jahr kam ich auf 400 Stunden für Aufträge, die ich als Mietrentner selber arbeite.. Der grösste Teil sind kleine Handwerksarbeiten. Unsere Plattform besuchen pro Tag bis zu 3500 Leute, täglich werden 20 bis 50 Jobs vergeben.
Viele Rentner preisen Ihre Dienste für Stundenansätze von 25 oder 30 Franken an. Damit konkurrenzieren Leute, die Rente und AHV beziehen, zu Dumpingpreisen Erwerbstätige.
PH: Wenn jemand sich eine neue Küche einbauen lassen will, soll er mit dem lokalen Gewerbe Kontakt aufnehmen, nicht mit einem Rentner. Unsere Plattform wird für Kleinst- und Hilfsarbeiten genutzt. Früher half man sich in der Familie oder in der Nachbarschaft, heute sind gerade ältere Leute oft froh, unkompliziert jemanden anfragen zu können. Wir reden von Dingen wie Rasenmähen, Schneeschaufeln, Glühbirnen auswechseln, Steckdosen verschieben, Hausaufgabenhilfe, einen tropfenden Wasserhahn flicken, Hunde ausführen. Eine Frau hat einen guten Draht zu Tieren. Sie geht einmal pro Woche eine Siamesenkatze streicheln, ein andermal hat sie einem hustenden Hamster mit Kamilosan-Dämpfen geholfen. Suchen Sie mal im örtlichen Branchenverzeichnis nach einem Fachmann für so etwas.
SH: Es hat auch schon jemand einen Trauzeugen gefunden über Rent a Renter, ein anderer hat einen Götti für seinen Sohn gesucht. Wir nennen die Leute, die bei uns registriert sind, zwar alte Säcke und Schachteln, aber wir wissen sehr genau: diese Leute haben nicht nur viele Fähigkeiten, sondern sie bringen darüber hinaus viel Motivation und Zeit mit.
PH: Zudem hat das Ganze auch einen geselligen Charakter. Viele Leute werden mit 55 oder 60 im Arbeitsmarkt aufs Abstellgleis geschoben. Für sie ist es wichtig, noch gebraucht zu werden. Und manche, die wenig Geld haben, können sich dank des Zustupfs einen kleinen Luxus gönnen.
Sie haben mehrere zehntausend Franken und viel Arbeitszeit in das Projekt investiert und noch nichts damit verdient. Wie geht’s jetzt weiter?
PH: Das müssen Sie meine Tochter fragen, ich bin ja hier nur der Vorzeigerentner. Ok, ich bin auch noch Mitinhaber der GmbH. Und wenn Sie mich fragen, dann kommt ein Verkauf nicht in Frage, denn ich habe in meinem ganzen Leben nicht so viel gelacht wie in den letzten gut zwei Jahren.
SH: Wir brauchen einmal eine freie Woche Zeit, um die nächsten Schritte zu planen. Zunächst wollen wir in der Schweiz noch wachsen, die Seite auch in Französisch aufschalten. Dann könnte der Schritt nach Deutschland und Österreich ein Thema werden. Vielleicht wäre es doch an der Zeit, einen Businessplan zu erstellen.
PH: (Winkt energisch ab) Ach was, ein Businessplan, das ist Chabis. So etwas macht man nur für die Banken, und ich will nicht, dass mir eine Bank dreinredet.
Kontakt und Information:
www.rentarentner.ch
info@rentarentner.ch